Märchen für Winter und Weihnacht

Der Winter ist die Zeit. in der man sich gemütlich zurückzieht und Märchen liest oder sich gemeinsam versammelt und Geschichten von Winter und Weihnacht erzählt und vorliest. Meist sind dann alle Altersgruppen zusammen, ob kleinere Kinder, junge Erwachsene oder Senioren. Lesen Sie hier einige kurze Märchen rund um die verzauberte Winterszeit:

Der goldene Schlüssel  

V​Zur Winterszeit, als einmal ein tiefer Schnee lag, musste ein armer Junge hinausgehen und Holz auf einem Schlitten holen.Wie er es nun zusammengesucht und aufgeladen hatte, wollte er, weil er so erfroren war, noch nicht nach Haus gehen, sondern erst Feuer anmachen und sich ein bisschen wärmen. Da scharrte er den Schnee weg, und wie er so den Erdboden aufräumte, fand er einen kleinen goldenen Schlüssel. Nun glaubte er, wo der Schlüssel wäre, müsste auch das Schloss dazu sein, grub in der Erde und fand ein eisernes Kästchen. ‹Wenn der Schlüssel nur passt!›, dachte er. ‹Es sind gewiss kostbare Sachen in dem Kästchen.› Er suchte, aber es war kein Schlüsselloch da, endlich entdeckte er eins, aber so klein, dass man es kaum sehen konnte. Er probierte, und der Schlüssel passte glücklich. Da drehte er einmal herum, und nun müssen wir warten, bis er vollends aufgeschlossen und den Deckel aufgemacht hat, dann werden wir erfahren, was für wunderbare Sachen in dem Kästchen lagen.

Märchen aus Deutschland, Brüder Grimm, Wintermärchen aus aller Welt


Der Zwerg am Berg 

Vor langer, langer Zeit, lebte in einem Dorf eine arme Witwe, die ganz allein für ihre hungrigen Kinder aufkommen musste. Einmal, es war kurz bevor der Schnee kam, nahm sie einen grossen Sack und ging in den Wald, um Tannenzapfen zu sammeln, als sie von einem heftigen Gewitter überrascht wurde. Dunkle Wolken zogen auf, der Wind blies immer heftiger und erste Schneeflocken fielen vom Himmel. Bald war die Frau ganz durchfroren und weiss vor Schnee und Kälte. Sie stapfte zu einem Felsen hin und suchte Unterschlupf in einer Höhle. Doch wie staunte sie, als sie sah, dass in der Höhle ein Feuer brannte. Ein kleines Männlein sass dort, wärmte sich und sprach: «Seid gegrüsst, gute Frau! Ist es nicht ein schreckliches Wetter heute?»
Die Frau grüsste ebenfalls und antwortete: «Was macht schon das nasse Wetter! Der Schnee vertreibt die Feldmäuse und schützt unsere Wintersaat, und die Zapfen, die werde ich zu Hause trocknen.»
«Kommt näher und wärmt euch. Findet ihr denn auch, dass der Winter eine schlimme Zeit ist?»
«Aber nein! Ich finde den Winter schön und die Kinder lieben weisse Weihnachten. Jetzt muss ich aber nach Hause.» Die Frau stand auf und wollte den schweren nassen Sack heben, da sprach das Männlein: «Ich werde euch helfen, der Sack ist gar schwer.» Es schulterte den Sack und ging der Frau hinterher bis zum Dorf. Vor der Tür zu ihrem Haus sprach es: «Hört, gute Frau, geht ins Haus, schliesst alle Türen und Fenster und öffnet erst dann den Sack.» Mit diesen Worten verschwand das Männlein. Die Frau aber tat wie ihr geheissen und welch Wunder: Im Sack waren lauter Goldtaler!Von da an ging es der Familie gut. Sie konnten sich warme Sachen kaufen, mussten nicht mehr Hunger leiden und hatten genug, um an Weihnachten Geschenke an die Armen zu verteilen. Nun wohnte aber neben der Familie eine Frau, die wunderte sich sehr über den plötzlichen Geldsegen. Sie ging hin und fragte und fragte, und als sie alles wusste, nahm sie einen riesigen Sack und zog zu den Felsen hoch. Sie sammelte ein paar Zapfen, schaute zum Himmel hinauf und tatsächlich fielen ein paar Schneeflocken. Schnell ging sie auf die Höhle zu und sah dort schon das Männlein am Feuer sitzen. «Seid gegrüsst!», rief das Männlein. «Schlimmes Wetter heute.»
«Ja, ihr habt recht», sagte die Frau. «Der Winter ist eine schlechte Zeit. Man friert, die Welt sieht aus wie ein Friedhof und das Leben ist eine Plage! Doch jetzt muss ich nach Hause!» Sie hob den Sack und schon sprang das Männlein auf, schulterte den Sack und trug ihn durch den Schnee bis zu ihrem Haus. Dann sprach es: «Hört gut zu: Geht ins Haus, schliesst alle Türen und Fenster und öffnet erst dann den Sack.» Die Frau eilte ins Haus, verschloss Türen und Fenster und öffnete den Sack, doch was kam heraus? Lauter Ameisen! Und die zwickten und zwackten sie, dass sie wahrhaft etwas zu schimpfen hatte. Das Männlein aber hat man seit diesem Tag nicht mehr gesehen.

Märchen aus der Schweiz © Mutabor Verlag, Wintermärchen aus aller Welt
 

Das Geschenk für den Vater 

Ein Mann wollte einmal in die weit entfernte Stadt fahren. Da fragte er seinen Vater: «Was für ein Geschenk soll ich Euch mitbringen, Väterchen?»
«Mein lieber Sohn», antwortete der Vater, «bringe mir, was übrig bleibt vom Essen und die Brotkrümel als Geschenk.»
Der Sohn ging mit seinen Gefährten auf die Reise und sie nahmen reichlich zu essen mit, denn es war Winter und der Weg lang. Unterwegs aber packte er alle Reste und Brotkrümel in einen Stoffbeutel. Seine Weggefährten lachten ihn aus: «Du sammelst die Reste von unserem Essen, warum tust du das?»
«Ich sammle sie als Geschenk für meinen Vater, er hat mir dies aufgetragen», gab er zur Antwort. Auf der Rückreise kamen sie durch eine Gegend, die einsam und verlassen war. Ein Schneesturm kam auf und die Männer mussten sich in einer Hütte verstecken. Ihre Vorräte aber waren aufgebraucht und sie hungerten und froren. Da fiel dem Mann der Beutel ein und sie nahmen ihn und assen drei Tage davon, bist der Schneesturm sich legte und sie ihren Weg fortsetzen konnten. Als der Sohn nach Hause kam, fragte ihn der Vater: «Nun, mein Sohn, hast du mir das versprochene Geschenk mitgebracht?»
«Nein, Väterchen», sprach der Sohn, «ich habe wohl alle Reste gesammelt und die Brotkrümel in den Stoffsack getan. Doch unterwegs gerieten wir in einen Schneesturm und nur das Geschenk für dich hat uns am Leben erhalten.»«Nun, das macht nichts», sprach der Vater, «denn mein Geschenk hatte ich mir eigens dafür gewünscht, dass es euch helfen möge, wenn ihr in Not geratet.» Und Vater und Sohn umarmten sich.

Märchen aus der Ukraine © Mutabor Verlag, Wintermärchen aus aller Welt

 

Der alte Vater Frost und sein junger Sohn

Der alte Vater Frost hatte einen Sohn, den Jungfrost. Dieses Söhnchen war ein solcher Prahlhans, dass man’s einfach nicht beschreiben kann, auch wenn man es möchte. Wer ihm so zuhörte, der musste glauben, es gebe auf der Welt keinen Klügeren und Stärkeren als ihn. Und eines Tages kam diesem Söhnchen, dem Jungfrost, ein Gedanke: ‹Mein Vater ist schon alt. Er macht seine Sache schlecht. Ich bin jung und stark und kann die Menschen viel besser erfrieren lassen. Vor mir rettet sich keiner. Und niemand kann’s mit mir aufnehmen, ich kriege sie alle unter!› So machte sich der Jungfrost auf und suchte sich ein Opfer. Und wie er so auf dem Weg herumflog, sah er einen Schlitten daherkommen, mit einem wohlgenährten Ross davor und einem reichen Pan darin. Der war wohlbeleibt, trug einen guten warmen Pelz, und seine Füsse waren in eine Decke eingehüllt. Der Jungfrost sieht den Pan an und lacht sich eins. ‹Oho›, denkt er, ‹ob du dich einmummelst oder nicht, vor mir gibt’s sowieso keine Rettung. Der Alte, mein Vater, hätte dich vielleicht nicht gepackt, aber ich nehme dich so in Arbeit, dass dir der Atem vergeht! Kein Pelz und keine Decke helfen dir!› Der Jungfrost flog den Pan an und begann ihm zuzusetzen: Unter die Decke kroch er, drang in die Ärmel, schob sich hinter den Kragen, zwickte ihn an der Nase. Der Pan befahl seinem Diener, schneller zu fahren. «Sonst erfriere ich ja!», schrie er. Der Jungfrost rückte dem Pan noch mehr zu Leibe, zwackte ihn noch schmerzhafter an der Nase, liess Finger und Zehen erstarren, sperrte ihm den Atem. Der Pan versuchte es auf jede Art: rollte sich wie ein Igel zusammen, zog Arme und Beine an den Leib und schubberte hin und her auf seinem Platz. «Hau zu», schrie er, «fahr schneller!» Dann hörte er auf zu schreien, er hatte die Stimme verloren. So gelangte der Pan zu seinem Haus. Halbtot wurde er aus dem Wagen getragen. Darauf flog der Jungfrost zu seinem Vater, dem alten Frost, und prahlte, was das Zeug hielt: «Was ich für einer bin! Was ich für einer bin! Wie kannst du, alter Vater, dich mit mir messen? Sieh nur mal an, was für einen Pan ich zum Erfrieren blies! Schau nur, unter welch warmen Pelz ich schlüpfte. Du wagst dich nicht unter einen solchen Pelz! Du kannst nicht einen solchen Pan zum Erfrieren bringen!» Da lächelte der alte Frost und sprach: «Na, du bist doch ein Aufschneider! Noch ist’s zu früh, dich deiner Kräfte und deiner Verwegenheit zu rühmen. Na schön, du hast einen dicken Pan fast erfrieren lassen, hast ihm unter den Pelz geblasen, das stimmt schon. Aber ist das denn wirklich so eine grosse Sache? Sieh mal hin, dort fährt ein abgehärmtes Bäuerlein in einem zerlöcherten, abgeschabten Pelz. Und den Karren zieht eine Schindmähre. Siehst du?» «Ich sehe!» «Das Bäuerlein fährt in den Wald Holz hacken. Versuche doch mal, ihn erfrieren zu lassen. Wenn du das fertigbringst, glaube ich dir, dass du tatsächlich ein starker Kerl bist!» «Na, das ist doch eine Kleinigkeit», antwortete der Jungfrost. «Den mache ich im Nu zu einem Eiszapfen!» Gleich wirbelte der Jungfrost hoch und flog dem Bauern nach, holte ihn ein, warf sich mit aller Eiseskälte auf ihn und blies ihn bald von der einen, bald von der anderen Seite an. Aber der Bauer fuhr unverdrossen weiter. Der Jungfrost zwickte ihm in die Beine. Da sprang der Mann von der Fuhre und lief neben dem Pferdchen her. ‹Nanu›, denkt der Frost. ‹Wart mal! Im Wald mache ich dich schon zu Eis.› Der Bauer kam in den Wald, holte sein Beil hervor und begann, Tannen und Birken abzuschlagen, dass die Späne nur so nach allen Seiten flogen. Aber der Jungfrost liess ihm keine Ruhe. Er packte ihn an den Händen, an den Füssen, schlüpfte unter seinen Kragen ... Und je mehr der Frost sich mühte, umso kräftiger schwang der Bauer sein Beil, umso stärker hieb er auf die Bäume ein. Dabei geriet er so in Hitze, dass er sogar die Fäustlinge abstreifte. Lange versuchte es der Jungfrost mit dem Bauern, bis er schliesslich müde war. ‹Na schön›, denkt er, ‹sowieso mache ich dich kalt. Ich packe dich bis auf die Knochen, wenn du nach Haus fährst.› Er lief zum Karren, wo die Fäustlinge lagen, und kroch hinein. Da sass er nun und lachte sich ins Fäustchen. ‹Will doch mal sehen, wie der Bauer seine Fäustlinge anzieht. Sie sind steinhart, keinen Finger kann man hineinstecken!› Der Jungfrost sass also in des Bauern Fäustlingen, der aber fuhr emsig fort, das Beil zu schwingen. Und er arbeitete so lange, bis die Fuhre bis oben hin mit Holz beladen war. «So», sagte er, «jetzt kann ich nach Hause fahren.» Der Bauer nahm seine Fäustlinge, wollte sie anziehen, aber sie waren wie aus Eisen. ‹Na, was wirst du jetzt machen?›, spottete der Jungfrost im Stillen. Der Bauer aber, als er sah, dass die Fäustlinge steinhart waren, nahm kurzerhand sein Beil und schlug auf sie ein. Der Bauer hieb mit dem Beilrücken auf die Fäustlinge, bumm, bumm, der Frost darin aber wimmerte: «O weh, o weh!» Und so stark verbläute der Bauer den Frost, dass der sich mehr tot als lebendig davonschlich. Der Bauer fuhr heim, den Karren voller Holz, und trieb sein Pferdchen an. Der Jungfrost aber humpelte stöhnend zu seinem Vater.
Als der alte Frost ihn sah, fragte er grinsend: «Warum kannst du dich denn kaum auf den Füssen halten, Söhnchen?»
«Hab’ mich zu Tode gequält, bis ich den Bauern zum Frieren brachte.»
«Aber warum denn, Jungfrost, mein Söhnchen, stöhnst du so kläglich?»
«Der Bauer hat mir die Hüften durchgewalkt.»
«Das wird dir, Jungfrost, ein Denkzettel sein. Mit den Pans, den Müssiggängern, kann man leicht fertig werden, aber der Bauer ist nie und nimmer unterzukriegen. Merk dir das!»

Märchen aus Litauen © Mutabor Verlag, Wintermärchen aus aller Welt

Mehr als siebzig Wintermärchen für die ganze Familie. Erhältlich im Shop oder im Buchhandel: ISBN 978-3-9523692-8-9