Märchen und Geschichten für Kinder

Hier finden Sie einige Märchen und Kurzgeschichten für Kinder zum Vorlesen oder erzählen.oder den Kinderseiten aus der Zeitschrift Märchenforum. Lassen Sie sich von unserem Märchenschatz inspirieren und entdecken Sie Geschichten, welche Sie und Ihre Kinder verzaubern werden.

• Das Märchen von der weisen Eule 
• Die zwei Wiesenmäuse
• Die Geschichte vom König
Stiefelchen


Die Geschichte von der weisen Eule 

Vor langer Zeit lebte tief im Wald eine Eule. Sie nistete in der mächtigen Krone einer Eiche und hörte gern zu, wenn die Tiere des Waldes von ihren Freuden und Leiden erzählten. Auch die Eule erzählte gern Geschichten, die der Wind und der Regen ihr von weit her mitgebracht hatten. Eines Tages jedoch beschloss sie, den tiefen Wald zu verlassen und auszuziehen, um neue Geschichten zu hören. Sie breitete ihre Schwingen aus und flog in die weite Welt. Mit ihren grossen Augen sah sie alles, alles hörte sie mit ihren scharfen Ohren, und alles bewahrte sie sorgsam in ihrem Gedächtnis. So vergingen die Jahre, und die Eule wurde älter und immer weiser. Da verspürte sie Sehnsucht nach ihrem Wald und der grossen Eiche und sie beschloss, heimzukehren. Viele Tage und Nächte flog sie, bis sie lautlos in der Krone der alten Eiche landete. Als die Tiere des Waldes hörten, dass die weise Eule zurückgekehrt sei, versammelten sie sich im Mondschein unter der Eiche und wollten die Märchen hören, die sie aus der weiten Welt mitgebracht hatte. Die Eule erzählte so wunderbare Dinge, dass niemand schlafen gehen wollte. Sie reihte ihre Märchen aneinander wie Perlen auf eine Schnur, und alle Tiere lauschten mit angehaltenem Atem. «Wie weise du bist, Frau Eule!», sagte ein Bär, nachdem die Eule geendet hatte. «Ich habe so viel gelernt von dir, da ist es doch zu schade, dass die Menschen deine Märchen nicht kennen.» Die weise Eule dachte lange über die Worte des Bären nach. Als sie fühlte, dass sie nicht mehr lange zu leben hatte, nahm sie ein dickes Buch und einen Federkiel. Sie schrieb und schrieb und schrieb, und als sie das letzte Märchen aufgeschrieben hatte, schloss sie ihre Augen für immer. Das dicke Buch jedoch war unter die Eiche gefallen, und dort fand ich es. Ich schlug es auf, und da stand geschrieben:
«Vor langer Zeit ...»

Märchen aus Tschechien © Mutabor Verlag, Kindermärchen aus aller Welt

Die zwei Wiesenmäuse 

Vor langer Zeit lebten einmal zwei Mäuse auf einer Wiese. Die eine war sehr fleissig. Von früh bis spät sammelte sie Vorräte für den Winter. Sie grub Wurzeln aus, trug die Samen von Gräsern in ihre Höhle, holte Knollen und Früchte und füllte damit eine Vorratshöhle nach der anderen. Besorgt schaute sie jeden Tag zur Sonne hinauf und dachte: ‹Noch ist Sommer, aber bald kommt der Herbst.› Und als der Herbst kam, dachte sie: ‹Noch ist Herbst, aber bald kommt der kalte Winter.› Sie sammelte noch fleissiger, gönnte sich keine Ruhe, bis alle Vorratskammern gefüllt waren. Die andere Maus aber war faul. Sie stand erst auf, wenn die Sonne schon hoch am Himmel stand. Wenn sie aber erst einmal auf der Wiese stand, hatte sie Lust zu tanzen. Sie tanzte und sang und führte ein gutes Leben. Wenn die faule Maus an der fleissigen vorüber kam, rief sie ihr zu: «Komm, tanz und sing mit mir!» Doch die fleissige Wiesenmaus rief: «Ich habe keine Zeit! Ich muss Vorräte sammeln.» Die warmen Tage vergingen und es wurde kalt. Jetzt fing auch die faule Maus an, Vorräte zu sammeln, doch sie fand nur noch ein paar wenige Körner und Nüsse. Als es zu schneien begann, sass die fleissige Maus in ihrer Höhle. Wenn sie Hunger hatte, ging sie zu einer ihrer Vorratskammern und naschte von ihren Vorräten. Doch schon bald wurde ihr langweilig. ‹Wenn doch nur jemand zu Besuch kommen würde›, dachte sie, ‹dann könnten wir zusammen plaudern.› Zur gleichen Zeit hatte die andere Maus alle Vorräte aufgefressen. Sie sass da, hungerte und fror und wurde immer schwächer. Mit letzter Kraft ging sie zur Höhle der anderen Maus und sprach: «Bitte hilf mir. Ich bin so hungrig. Wenn ich nicht bald etwas zu essen bekomme, muss ich sterben.»
«Was ist denn mit deinen Vorräten?», fragte die andere Maus. «Hättest du so fleis-sig gesammelt wie ich, müsstest du jetzt nicht hungern!» «Du hast ja recht!», rief die faule Maus. «Doch im Sommer, da machte es so viel Freude zu tanzen und zu singen und ich habe vergessen, für den Winter zu sammeln.» Die fleissige Maus hatte keine Lust, ihre mühsam gesammelten Vorräte zu teilen und schickte die hungrige Maus fort. Kaum aber war diese gegangen, da sass sie wieder allein in ihrer Höhle und langweilte sich. Schnell sprang sie auf, hüpfte zur Höhle der anderen Maus und rief: «Komm! Ich teile mit dir meine Vorräte, aber du musst den ganzen Winter mit mir tanzen, singen und plaudern!» Und so sassen bald beide in der Höhle und assen Samen und Knollen und wenn sie satt waren, begann die eine Maus zu singen und zu tanzen und bald tanzte auch die andere Maus mit. Wenn du mir nicht glaubst, so geh hin und schau nach!

Märchen aus Nordamerika, Lakota © Mutabor Verlag, Kindermärchen aus aller Welt

Die Geschichte vom König 

Es war einmal ein König, der hatte eine Tochter, die war so traurig, dass sie niemals lachte. Darüber war der König sehr betrübt. So liess er eines Tages ausrufen: «Wer meine Tochter zum Lachen bringen kann, darf sie heiraten.» Davon hörte auch der Sohn von armen Leuten und er bat seinen Vater so lange, bis er ihn ziehen liess. Da lief nun der junge Mann in die Welt hinaus und begegnete einem alten Mütterchen, das fragte: «Wohin des Weges, junger Mann?»
«Ich will zum Schloss ziehen und die Königstochter zum Lachen bringen!», sagt der Jüngling. «Da du so ehrlich zu mir gewesen bist, will ich dir einen Rat geben!», sagt die Alte. «Wenn du noch ein Stück weitergehst, so wird ein schöner Vogel auf deine linke Schulter fliegen. Behalte ihn immer bei dir, so wird er dir helfen!» Der junge Mann bedankte sich für den Rat, bei sich jedoch dachte er: ‹Ach, was die Alten immer so schwatzen, das kann nicht alles wahr sein.› Doch nicht lange darauf flog auf einmal ein grosser, wunderschöner Vogel auf und setzte sich auf seine linke Schulter. Der junge Mann geht nun weiter und kommt zu einer Wirtschaft. Die Gäste staunen, als sie den prächtigen Vogel sehen. «Was willst du für den Vogel haben?», fragen sie. Doch der Junge schüttelt nur den Kopf. Da bietet einer hundert Franken, einer zweihundert und schliesslich sogar einer dreihundert Franken, aber er gibt den Vogel nicht her. Da zwinkert der Wirt seinen Gästen zu und sagt leise: «Wartet nur, wenn er den Vogel für dieses Geld nicht geben will, so stehle ich ihn heute Nacht und verkaufe ihn euch morgen.» Der Bursche geht in sein Zimmer, legt sich ins Bett und nimmt den Vogel zu sich. Um Mitternacht schleicht sich tatsächlich der Wirt in den Unterhosen ins Zimmer und will den Vogel nehmen. Doch kaum hat er den Flügel des Vogels berührt, da bleibt er an ihm hängen. Die Wirtin wundert sich, warum ihr Mann gar nicht zurück ins Bett kommt. Nur mit Nachthemd und Betthaube bekleidet schleicht sie ins Zimmer, um nach dem Rechten zu sehen und will ihren Mann von dem Vogel wegziehen. Aber oje! Jetzt bleibt sie auch noch hängen! Vor Schreck schreit sie auf, und die Magd, die gleich nebenan schläft, steht auf und geht ebenfalls ins Zimmer von dem Jungen. Aber kaum will sie die Wirtin wegziehen, bleibt auch sie hängen. Alles Jammern hilft nichts und so stehen sie die ganze Nacht da, und als der Junge am nächsten Morgen aufsteht und seinen Vogel auf die Schultern setzt, müssen die drei, die an ihm hängen, mit ihm gehen. Wie sie durch das Dorf gehen, schaut soeben der Pfarrer aus dem Fenster. Als er diesen seltsamen Zug in Unterhosen und Nachthemd sieht, da springt er aus dem Haus, um die drei zurückzuhalten, doch auch er bleibt kleben. Sie kommen am Backhaus vorbei und die Bäckerin ist dabei, das Brot aus dem Ofen zu ziehen. Sie will den Pfarrer am Ärmel festhalten; doch was geschieht: Auch sie bleibt hängen! So kommen sie zum Schloss und der König führt sie schnurstracks ins Zimmer seiner Tochter. Als die Prinzessin diesen seltsamen Zug sieht, da beginnt sie zu lachen. Sie lacht und lacht und kann kaum noch aufhören. So bekam der junge Bursche die Königstochter zur Frau. Alle aber, die an dem Vogel hingen, konnten wieder nach Hause gehen, der Bursche aber wurde später ein guter und gerechter König.

Märchen aus der Schweiz ©Mutabor Verlag, Kindermärchen aus aller Welt

Stiefelchen 

Es war einmal eine wunderschöne Prinzessin. Sie hatte nur einen Fehler. Sie log immerzu. Ihr Vater, der König, war schon ganz verzweifelt. So beschlossen er und die Königin, der Prinzessin auch Lügen aufzutischen. «Sie wird uns nicht glauben, sich ärgern und rufen: Das ist nicht wahr. Und dann wird sie geheilt sein.» Also erzählten die Königin und der König und alle Leute im Schloss die tollsten Lügengeschichten. Aber nie sagte die Prinzessin: «Das ist nicht wahr!» Der König liess deshalb im ganzen Land verkünden, dass die jungen Männer aufs Schloss kommen und Lügengeschichten erzählen sollen, und wer seine Tochter dazu brächte, dass sie sagt: «Das ist nicht wahr», der sollte sie zur Frau haben. Die jungen Männer kamen von überall her und gaben sich redlich Mühe, der Prinzessin die gewünschten Worte zu entlocken. Aber keiner schaffte es.Im Reich lebte aber ein hübscher Schustersohn, den alle nur Stiefelchen nannten. Dieser kam nun eines Tages zum Schloss und wurde zur Prinzessin geführt. «Einen schönen Tag», grüsste die Prinzessin, «obwohl ich nicht sagen kann, dass der Tag schön angefangen hat. Es waren schon drei Männer hier und alle haben mir langweilige Geschichten erzählt. Wenn das so weitergeht, mache ich Urlaub auf dem Mond. Mein Vater hat dort ein Haus gebaut, das ist so gross, dass ich eine Woche brauche, wenn ich durch alle Zimmer gehen will.» 
«Das Haus, das mein Vater auf der Sonne gebaut hat, ist noch viel grösser. Bis ich durch alle Zimmer gegangen bin, brauche ich ein ganzes Jahr», entgegnete Stiefelchen. «Schön und gut», meinte die Prinzessin, «einen so riesigen Ochsen wie mein Vater hat deiner bestimmt nicht. Unser Ochse hat einen so grossen Kopf, dass zwischen seinen Hörnern ein Heuwagen Platz hat.»
«Das ist noch gar nichts gegen den Ochsen meines Vaters. Zwischen seine Hörner kann man eine ganze Scheune stellen.»
«Ja, ja», sagte die Prinzessin, «aber was sagst du zu dem Apfelbaum, den ich im Garten meines Vaters gepflanzt habe? Er trägt Äpfel so gross wie Wagenräder.»
«Das ist noch gar nichts gegen den Apfelbaum, den ich gestern früh im Garten meines Vaters pflanzte. Am Abend war er schon so hoch wie der Kirchturm. Ich wollte die Äpfel pflücken und kletterte hinauf. Der Baum wuchs weiter und weiter, bis an die Wolken und noch viel höher. Da kam der Wind und trug mich fort, dreimal um die Erde. Dann liess er mich fallen, ich fiel und fiel und landete in einem Fuchsloch und dort hast du, Prinzessin, gesessen und meine Stiefel geflickt!»
«Das ist nicht wahr!», rief die Prinzessin. So bekam Stiefelchen sie zur Braut und das halbe Königreich dazu. Zum Lügen hatte die Prinzessin jetzt nicht mehr so viel Zeit. Nur einmal in der Woche dachten sich Stiefelchen und seine Frau die allertollsten Lügengeschichten aus.

Märchen aus Schweden © Mutabor Verlag, Kindermärchen aus aller Welt

 

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