Ein Wintermärchen

Das lange Nachtlager

Vor langer Zeit gingen einmal zwei Männer in den Wald, um im ersten Schnee zu jagen. Sie schossen Eichhörnchen, spürten Zobeln nach, stellten Hermelinfallen auf. Immer tiefer drangen sie in die Taiga vor und bemerkten gar nicht, dass es dunkel wurde.

«Wir müssen übernachten», sagte der eine Jäger.

«Warum nicht», antwortete der zweite, «wir werden am Feuer übernachten.»

Sie sammelten Reisig und gingen dabei in verschiedenen Richtungen.

«He», rief der eine, «hier ist eine Bärenhöhle!»

«Und der Bär?», rief der zweite.

«Nicht da. Hat sich wohl woandershin verzogen.»

«Ist gut, ich komme.»

Sie zündeten vor dem Höhleneingang ein Feuer an, tranken ein Kesselchen Tee, das sie von zu Hause mitgenommen hatten, und assen etwas.

Der eine blickte zum Himmel hinauf und sagte: «Es wird in der Nacht einen Schneesturm geben!»

«Das stimmt», antwortete der zweite. «Der Mond ist ganz verhangen, und der Wind bläst.»

Sie schlüpften in die Höhle. Der Boden war mit dürrem Gras weich gepolstert, als habe der Bär sich ihretwegen bemüht. Damit es ganz warm würde, hängten sie eine Pelzjacke vor den Höhleneingang und deckten sich mit der anderen zu. Jetzt konnten Wind und Schnee ihnen nichts mehr anhaben.

«Dieser Bär hat es gut gemeint», sagten sie, «er soll es in seiner neuen Höhle auch so behaglich haben.»

Ihnen wurde warm, und sie schliefen ein.

Sie schliefen lange, lange.

Zusammen waren sie eingeschlafen, zusammen wachten sie auf.

Da lagen sie nun und horchten.

«Kein Schneesturm heult. Er muss sich am Morgen gelegt haben.»

«Es scheint aber viel Schnee gefallen zu sein. Sieh nur, welch helles Licht hereinschimmert.»

Sie krochen hinaus und schauten sich um.

«Etwas stimmt nicht», sagte der eine. «Die Sonne hat den Winter mit dem Sommer verwechselt. Schau doch, wie hoch sie am Himmel steht.»

«Und der ganze Schnee ist am Morgen weggeschmolzen», antwortete der zweite. «So etwas habe ich noch nie gesehen! Lass uns rasch nach Hause gehen.»

Sie machten sich auf den Weg. Als sie bei ihrer Siedlung ankamen, kläfften die Hunde sie an, bis sie heiser wurden.

«Etwas ist anders», sagte der erste, «die Hunde haben uns nicht erkannt.»

Auf das Gebell hin kamen Kinder aus den beiden Tschums gelaufen.

«Sind das unsere Kinder?», fragte der zweite Jäger verdutzt. «Es scheint so, nur sind sie in der Nacht ein Stück gewachsen.»

Die Kinder schauten sie an und liefen schnell zurück in die Tschums. Jetzt kamen die Frauen der Jäger heraus. Lachend und weinend schlugen sie die Hände zusammen. Leute strömten herbei. Sie fragten die Jäger, wo sie so lange gewesen und wieso sie nicht erfroren oder verhungert seien.

Die beiden Jäger blickten einander an, und da verstanden sie: Sie hatten nicht nur eine Nacht in der Bärenhöhle geschlafen, sondern einen ganzen Winter lang, vom Herbst bis zum Frühling!

Doch wie konnte das geschehen? Ganz einfach: Weil es eine Bärenhöhle gewesen war, darum hatten sie den ganzen Winter verschlafen. Ob das nun stimmt oder nicht, seither betritt kein Kete eine Bärenhöhle, um darin zu übernachten, denn er fürchtet, den Winter zu verschlafen und erst im Frühling zu erwachen.

Märchen der Keten


Text und Bild aus: Wintermärchen, 70 Märchen, ausgewählt von Djamila Jaenike, illustriert von Cristina Roters, © Mutabor Verlag 2011


Bild: Cristina Roters

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